HORROR mit Bauchi - Der Hilfs-Kriminelle (Corose Kurzgeschichten)


Der Hilfs-Kriminelle

Eine Horrorkurzgeschichte aus der Corose von Bauchi

Ich stehe im Regen an der Bushaltestelle. Wie jeden Abend. Eine Neonreklame flackert und reflektiert auf der nassen Straße. Ich steh mal wieder allein hier, den letzten Bus nehmen in meine Richtung in der Woche nur wenige. Missmutig stehe ich unter dem kleinen Verschlag, der gegen Regen und Wind nur wenig Schutz bietet. Wieder ein Tag verloren. Wieder ein Tag voll Stress auf dieser blöden Arbeitsstelle. Und wie diese hochnäsige Vorgesetzte mich wieder vor allen blossgestellt hat. Ich würde ihr so gern den Hals umdrehen.

„Hey, haste mal ne Kippe?“, fragt mich plötzlich jemand neben mir. Eine junge Frau ohne Mundschutz steht zu meiner Linken, ich war so in Gedanken versunken, dass ich sie gar nicht habe kommen sehen. Sie starrt mich unbedarft an und wartet auf eine Antwort.

Ich ziehe den letzten Zug aus meiner und werfe den Stummel auf den nassen Boden. Wie ungewohnt ich es inzwischen finde, jemanden in der realen Welt mit ganzem Gesicht zu sehen! Wie schnell habe ich mich wie alle daran gewöhnt, diesen verhassten Lappen ums Gesicht zu tragen. Ich fands von Anfang an scheiße, und hab mich auch zunächst geweigert, einen zu tragen. Eine Weile. Und dann hab ich nachgegeben, und einen zu tragen, bloss um meine Ruhe zu haben. Ich hab auf der Arbeit genug mit strafenden Blicken zu tun, die will ich nicht auch noch beim Einkaufen ertragen müssen. Und gelegentlich, muss ich zugeben, war ich dankbar um den Aspekt der Vermummung, die früher mal aus was für Gründen auch immer verboten war, den diese Maske bietet. Man erkennt zwar auch immer weniger seiner Mitmenschen, miteinander sprechen tut eh kaum noch jemand auf der Straße, aber dafür ist man selbst anonymer.

Ich ziehe mein Päckchen Luckies aus der Tasche und halt es ihr geöffnet hin. Sie zieht eine heraus und zündet sie sich an.

„Danke“, sagt sie. Ich nehme mir auch noch eine, stecke sie in den Filter in meiner Maske und sie hält mir die Flamme entgegen. Ich zünde sie mit einem tiefen Zug an und bedanke mich gleichfalls.

„Scheiß Corona“, sagt sie jetzt. Betreten schaue ich sie an. Ich kann ihre Gedanken in ihren Augen lesen. „Wäre schön, mal wieder ein paar mehr Gesichter zu sehen.“, sage ich. „Ja“ Sie schaut mich verlegen an. Wieder weiß ich, was sie meint. Ich ziehe meinen Maske vom Gesicht und lächle sie an. „Danke“, sagt sie jetzt erneut. „Es ist einfach viel schöner, von jemandem mehr als nur die Augen zu sehen, wenn man sich bei ihm bedankt. Sie lächelt mich an. Der Regen hört auf, und ein paar letzte Tropfen schlagen auf das Dach der Haltestelle.

Es entsteht eine kurze verlegene Stille. Wir ziehen an unseren Zigaretten und schauen schüchtern zur Seite. Dann schauen wir uns wieder an. „Früher,“ sagt sie, „wäre das die perfekte Grundlage für einen romantischen Moment gewesen.“ - „Ja,“ antworte ich, „ich weiss, was du meinst. Ich würde Dich auch jetzt gern küssen, aber alles in mir schlägt Alarm und schreit ‚NEIN, tu das bloss nicht! Corona!‘ Und das geht mir im Ganzen so ziemlich bei jedem so. Und das war früher ganz und gar nicht so. Ich war auch früher nicht unbedingt schüchtern. Und heute bin ich regelrecht eingeschüchtert.“ Sie schaut mir in die Augen und nickt. Dann verdreht sie ihre Augen nach oben und beginnt zu tanzen. Nein, sie tanzt nicht, sie bricht zusammen. Ich kann nur daneben stehen und wie in Zeitlupe zusehen, aber nicht schnell genug reagieren um sie aufzufangen. Sie schlägt hart mit dem Kopf auf den Boden und bleibt regungslos liegen. Ihre geschlossenen Augen flackern, sonst sehe ich keine Bewegung. Ihre Zigarette landet auf der nassen Straße und verlischt.

Ich beuge mich zu ihr herunter und nehme ihr Handgelenk. Ich kann keinen Puls fühlen. Wie im Schock erstarre ich vor Angst.

Ich erinnere mich Dinge, die ich im Erste-Hilfe-Kurs gelernt habe. Ist noch gar nicht so lang her. Atmung checken, Notarzt rufen, die 5 W-Fragen beantworten, Körper in die stabile Seitenlage bringen, Mund-zuMund-Beatmung. Noch bevor ich irgendwas machen kann, schreit es schon wieder in mir: „NEIN, tu das bloss nicht! Corona! Coroonaa!!“. Ich versuche, mich dagegen zu wehren und verdammt nochmal zu funktionieren. Mechanisch wie panisch schiebe ich meine Hand vor ihren Mund. Ich kann keinen Atem spüren. Ich komme in Bewegung und lege mein Ohr an ihren Mund. Nichts. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und halte es vor ihren Mund. Es beschlägt nicht. Scheiße. Ok, was als nächstes? Notruf wählen. Ich tippe hastig die drei Ziffern aufs Display und rufe an. Nach dem dritten Klingeln steht die Leitung. Ich melde einen Notfall und beantworte die Fragen, so gut ich kann. Bushaltestelle Blabla, mein Name, junge Frau ist neben mir kollabiert und mit dem Kopf aufgeschlagen, bewusstlos, eine Betroffene. Es kommen keine weiteren Rückfragen, man bedankt sich und versichert mir, einen Krankenwagen loszuschicken. Und der Hinweis darauf, dass jede weitere Hilfeleistung strafbar ist. „Lebensrettung kann tödlich sein!“. Mir schnürt sich der Magen zusammen. Ich lege auf und schaue sie an. Selbst im Licht der Neonreklame sieht sie sehr blass aus, die Farben in ihrem Gesicht haben deutlich sichtbar an Kontrast verloren. Alles in mir schreit danach, sie in eine sichere Position zu legen und zu beatmen. Die kann doch jetzt nicht einfach hier neben mir auftauchen, ne Kippe rauchen, umkippen und sterben! Doch dann schreit gleicht wieder was anderes. „NEIN, tu das bloss nicht! Corona! Corooonaaa!!“ Und dann: „Und bitte denken sie daran, dass jede weitere Hilfeleistung strafbar ist. Lebensrettung kann tödlich sein. Bitte überlassen sie das den Profis!“. Echt jetzt? Ich soll jetzt hier einfach daneben stehen, während ein Mensch stirbt? „Alter, und was, wenn sie Corooonaaa hat?“ jagt es durch meinen Kopf. „Überlassen sie das den Profis!“ Verdammte Scheiße!!

Das kann doch nicht wahr sein! Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte ich mich strafbar gemacht, indem ich das tu, was gerade von mir verlangt wird. Und alles in mir wehrt sich gegen diesen unmenschlichen Wandel. Wo sind wir nur hingekommen? Wie weit haben wir es kommen lassen? Es ist strafbar, erste Hilfe zu leisten, und zusätzliche Angst vor beiderseitig möglicher Ansteckungsgefahr.

Wut kocht in mir hoch. Ich hasse mich dafür, ein Mensch zu sein. Ich hasse mich dafür, jeden morgen aufs neue auf die scheiß Arbeit zu fahren, ich hasse mich dafür, so ein gehorsames und unterwürfiges Arschloch zu sein, dass sich gerade verbieten lässt, einem Mitmenschen das Leben zu retten. Aber mein Selbsthass ist nicht stark genug. Ich kann mich nicht überwinden, sie anzufassen. Verzweifelt knie ich neben ihr und merke, dass Tränen meine Wangen herunter laufen. Vielleicht ist es auch einfach Wasser aus meinen Haaren, ich kann es nicht unterscheiden. Passen würde gefühlsmäßig gerade beides. Ohnmächtig sitze ich Minuten da und warte auf den Krankenwagen. Ich kann nicht glauben, dass mir das gerade passiert. „Bitte,“ sage ich laut, „BITTE wach doch wieder auf!“. Ohne dass ich es kontrollieren könnte, zuckt meine Hand nach vorn und ich gebe ihr eine Backpfeife, als würde sie nur tief schlafen. Vielleicht schläft sie ja auch tatsächlich nur sehr tief? Ich schlage noch einmal, etwas fester, meine flache Hand in ihr Gesicht. „HEY! Wach AUF!“. Plötzlich kommt Bewegung in ihren Körper. Sie windet sich und zuckt, reisst Mund und Augen weit auf und sieht aus, als würde sie ertrinken. Dann erstarrt sie. Mit heulenden Sirenen und blauen Lichtern kommt der Krankenwagen, hält neben uns, und zwei Sanitäter springen heraus. Sie holen Instrumente aus ihren Koffern, und stülpen ihr eine Sauerstoffmaske über. Sie reden irgendwas, aber durch ihren Mundschutz versteh ich kein Wort. Sie fuhrwerken eine gefühlte Ewigkeit an ihr herum, beobachten ihr Gesicht, pressen ihren Brustkorb, versuchen vergeblich, sie zu reanimieren. Nichts. Ihr Gesicht verharrt in der selben verkrampften Position. Irgendwann hören sie auf, nicken sich kurz zu, und einer der beiden geht zum Fahrzeug zurück, während der Andere sich mir zuwendet.

„Hören sie, haben sie diese Frau irgendwie berührt, besonders im Gesicht?“ Mir läuft es einkalt den Rücken herunter. Wieso fragt er mich das? Woher weiss er das? „Ich weiss nich,“ rudere ich hilflos umher, „ich glaube nicht!“ Oh mein Gott, fühlt sich das schrecklich an! Hoffentlich lässt er mich in Ruhe! Doch er lässt mich nicht in Ruhe. Sein Blick bohrt sich in meine Augen und er sagt: „Diese Frau hatte einen Erstickungsanfall. Beim Sturz muss sie sich ihr Genick angebrochen haben, und sie hat eine deutliche Spur einer Hand in ihrem Gesicht. Haben sie sie geschlagen?“ FUCK! „Ihm, ja, ich denke, ich schätze, das habe ich,“ stammele ich vor mich hin. „Bitte was? Ich kann sie nicht hören!“ bohrt er nach. „Scheiße, JA! Ja, ich hab ihr eine Backpfeife gegeben, weil ich dachte, sie wacht davon vielleicht wieder auf!“ Ich stehe vor ihm wie ein begossener Pudel voller Schuldgefühle. Ich wollte sie doch nur retten! „Wieso haben sie sie geschlagen? Wie kommen sie auf die Idee, dass das helfen sollte? Haben sie das so im Erste-Hilfe-Kurs gelernt?“ - „Nein,“ entgegne ich, „da hab ich gelernt, dass ich sie hätte beatmen und richtig hinlegen sollen! Aber das durfte ich ja nicht!“ - „Natürlich dürfen sie das nicht, sie oder der andere könnten Corona haben! Wo ist eigentlich die Maske dieser Frau?“ - „Keine Ahnung, sie trug keine!“ Sein Blick sagt so viel aus wie: Naja, das kommt dann davon! Dann sagt er: “Ich möchte sie bitten, ein paar Minuten hier zu warten, wir haben vielleicht noch ein paar Fragen!“. Ich versichere ihm mit meinem Blick, dass ich verstanden habe und bleibe stehen wo ich bin. Dieses Scheiß Corona! „Sie oder der andere könnten Corona haben!“ hallt es in meinem Kopf nach. Ja genau! Könnte jeder haben wie jeder andere. Ich halte es nicht mehr aus. Ich glaube nichts von diesem ganzen Pandemie-Scheiß. Ich fühle mich einfach von vorn bis hinten verarscht. Was is nur aus der Welt geworden? Was haben wir da nur zugelassen? Früher wars mal ne Straftat, Hilfe zu unterlassen, und heute gehört das nur „Normalität", dass man daneben steht und nicht weiss, was man tun soll? Wenn es um leben und tot geht? Ich bin entsetzt.

Ein Polizeiwagen hält neben uns, und zwei Polizisten steigen aus. Ich denke mir nicht viel dabei. Meine Gedanken fließen weiter in der Richtung, dass ich nicht weiss, wie ich an eine Pandemie glauben soll, also eine weltweite Epidemie, wenn etwas ganz wesentliches fehlt. Wenn ich an Epidemien denke, denke ich an Ebola oder die Pest. Und die Bilder von so etwas enthalten Siechtum und Tod. Tote Menschen, die die Straßen säumen, und leere Krankenhäuser, weil fast alle tot sind. Ich fühle mich verarscht, und dieses Gefühl stärkt sich heute um ein Vielfaches. Eine solche Situation kann dein Leben schon sehr verändern. Das ist alles so ungerecht! Ich wollte doch nur helfen, und jetzt quatscht mich dieser Typ an und tut so, als hätte ich sie auf dem Gewissen!

Ich höre meinen Namen. „Sind sie das?“ fragt mich der eine Polizist. Wieder hab ich nicht mitbekommen, dass sich mir jemand nähert. Aber statt auch einfach tot umzufallen, klären mich die beiden Hüter des Gesetzes über meine Rechte auf und darüber, dass ich nun festgenommen würde. Wegen fahrlässigen Totschlags in einer Notfall-Situation. Ich glaube zu träumen und wie in Trance nehme ich wahr, wie man mir Handschellen anlegt, und mich zum Polizeiwagen dirigiert, während ich die Bare mit der Toten hinten im Krankenwagen verschwinden sehe. Ich würde mich so gern wehren und einfach alle zu Boden boxen und die Kleine… ich weiß nichtmal wie sie heißt. Wieso hab ich sie nicht einfach sicher hingelegt und beatmet, dann wäre ihr Genick vielleicht nicht ganz gebrochen, und sie wäre auch nicht erstickt! Genau das wäre noch vor einem Jahr völlig normal gewesen. Und auf einmal sehe ich das Siechtum um Corona. Die Toten häufen sich, aber sie sterben nicht an Corona, sondern durch Corona und die Maßnahmen dagegen. Ich sitze auf dem Rücksitz des Polizeiautos und fühle mich wie ein verrottendes Stück Fleisch. Teil einer Welt, in der ich nicht leben will.

Als der Wagen Richtung Polizeiwache anfährt, hält der Bus.


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